Holon: Was soll denn das schon wieder sein?

Holon: Was soll denn das schon wieder sein?

Heiko Veit
von Heiko Veit

Holons – Bausteine der „Realität“

Der Begriff Holon kommt aus dem Griechischen (ὅλος, hólos und ὀν, on »das Teil eines Ganzen Seienden«). Arthur Koestler hat das Konzept in die Philosophie eingeführt.

Ken Wilber hat das Konzept übernommen und weiter entwickelt. Damit hat es zu einer wesentlichen Grundlage der integralen Theorie gemacht.

Grundsätzlich ist ein Holon ein „Ganzes/Teil“. So ist beispielsweise eine Zelle für sich ein Ganzes, aber zugleich auch Teil eines umfassenderen Ganzen, beispielsweise eines Körpers. So entsteht eine Hierarchie von Holons, die man auch als Holarchie bezeichnet.

Holons bewahren sowohl ihre Ganzheit (Autonomie/Identität) als auch ihre Teilheit (Anpassen, Einfügen, Verbindung). Dabei haben sie sowohl die Tendenz zu Wachstum (Selbsttranszendenz und somit zunehmende Bewusstheit) und zur Selbstauflösung (Zerfall oder Regression).

Holon 1

Exkurs zu Metatheorien

Laut der integralen Theorie ist das Universum aus Holons aufgebaut. Damit geht die integrale Theorie erst einmal davon aus, dass die Realität primär aus Strukturen besteht. Was bedeutet das?

Die integrale Theorie ist ja eine Metatheorie, die einen Ordnungsrahmen bereitstellt, mit dem man die Realität beschreiben kann. Genauso wie in der Physik bekannt ist, dass das Licht sowohl Welle als auch Teilchen ist, so kann man die Realität sowohl strukturell als auch prozessual beschreiben.

Damit können wir schon eine ganze Menge einordnen und erkennen, aber es gibt –wie immer- eine gewisse Bias in dem Modell. Aus dem Grund verwende ich auch eine zweite Metatheorie, die “Theory of Process” von Arthur Young, die Realität prozessual beschreibt und damit sozusagen den Wellenteil der Realität mit hinzufügt.

Dadurch erhöht sich die Differenziertheit und Tiefenschärfe von Reflexions-, Supervisions-, Weiterbildungs- und Entwicklungsprozessen noch weiter. Diese Metatheorien sind insbesondere in der professionellen Begleitung von persönlicher Entwicklung und Organisationsentwicklungsprozessen relevant. Darum sind diese und deren konkrete Anwendung zur Orientierung in konkreten Situationen ein wesentlicher Bestandteil in meinen Professionalisierungen.

Zurück zu Holons: Weitere Begriffe im Zusammenhang mit Holon

Wenn wir die Holons praktisch anwenden wollen, ist der einfachste Zugang die integralen Quadranten. Wenn wir aber etwas tiefer damit arbeiten wollen, bzw. Hintergründe von Quadranten verstehen wollen, müssen wir noch ein paar andere Begriffe und Unterscheidungen mitdenken:

  • Individuelle Holons haben alle vier Quadranten. Sie haben innere „Bewusstheit“, eine bestimmende Monade, ein bestimmtes und bestimmendes Muster (Code, Agens, lat. Handeln, also “tun mit einer Intention”), welches aus sich selbst heraus entsteht (Autopoiese). Ein Beispiel für ein individuelles Holon ist ein Mensch, aber auch eine Zelle. Bei einer Zelle müssen wir natürlich unser Verständnis von „Bewusstheit“ erweitern, denn das ist eher auf Basis von Reizverarbeitung als unser normales Verständnis von Bewusstheit eines Menschen.
    Individuelle Holons wachsen in Holarchien: Atome, Moleküle, Zellen, Organismen.
    Dabei gibt immer das untergeordnete Holon einen großen Teil der eigenen Autonomie an das übergeordnete Holon ab. Ganz praktisch: Eine Zelle meines Körpers kann sich nicht entscheiden, in eine andere Richtung zu gehen, als der Rest meines Organismus. Somit ist der Organismus eine “bestimmende Monade”, eine geschlossene Einheit, die alle untergeordneten Holons bestimmt. Wenn die untergeordneten Holons nicht da wären, würde auch das übergeordnete Holon nicht mehr existieren. Es kann ohne Zellen keinen Körper geben.
  • Soziale Holons entstehen, wenn individuelle Holons sich auf gleicher Ebene zusammentun. Wenn Menschen sich zusammentun, entsteht das soziale Holon einer Gruppe. Sie haben ebenfalls ein bestimmtes und bestimmendes Muster (Agens oder Regime), aber sie haben keine bestimmende Monade, kein individuelles Bewusstsein, sie haben ein intersubjektives Bewusstsein.
    Daher haben soziale Holons auch nur die unteren beiden Quadranten. Hier ist wichtig zu sehen, dass ein soziales Holon weiter besteht, auch wenn individuelle Holons kommen und gehen. Also wenn eine Person die Gruppe verlässt, besteht nach wie vor eine Gruppe weiter.
    Auch soziale Holons können Holarchien bilden: Team, Organisation, Markt, Wirtschaft.
  • Artefakte sind von individuellen oder sozialen Holons produzierte Produkte: Ein Ameisenhügel, ein Hammer, ein Kleidungsstück, das Internet. Artefakte sind zwar organisiert, aber sie haben keine Subjektivität. Das bestimmende Prinzip, eine Intention kommt nicht von ihm selbst, sondern wird im eingeprägt durch das Agens, also das Handeln, bzw. Erstellen von etwas mit einer Intention, also mit einem Sinn und Zweck.
    Im LEAN sagt man auch, dass ein Produkt entsteht, indem Informationen in ein Material eingebracht werden.
  • Haufen sind eine zufällige Ansammlung, beispielsweise ein Laubhaufen oder eine Wasserpfütze. Sie haben auch kein andauerndes bestimmendes Muster, keine Intention bei der Erstellung, die ein bestimmendes Muster einbringt oder eine eigenständige Innerlichkeit.

Individuelle und soziale Holons und deren Auswirkungen in Organisationen

Man könnte in die Holontheorie noch viel tiefer einsteigen, aber ich möchte an dieser Stelle auf etwas für die Praxis sehr wichtiges intensiver eingehen: Auf den Unterschied von individuellen und sozialen Holons. Das ist sowohl für die persönliche Entwicklung, aber auch für Organisationsentwicklung besonders relevant.

„Ganzes“ und „Teil“ müssen wir dabei nämlich etwas differenzieren. Bei einem individuellen Holon wird das Agens von dem übergeordneten Holon absorbiert. Eine Zelle hat keinen eigenen Agens, sie kann sich nicht entscheiden, in eine andere Richtung zu gehen, als der Rest des Organismus.

Bei sozialen Holons ist der Agenz aber eine Co-Partnerschaft. Wenn individuelle Holons sich zusammenschliessen gibt es zwar eine co-partnerschaftliche Agens der Gruppe, aber das beraubt das Individuum nicht von der eigenen Autonomie. Mal abgesehen davon, dass es tatsächlich unmöglich ist, auch wenn Diktatoren das immer mal wieder gerne versuchen. In manchen sozialen Holons wird der Gruppendruck so intensiv, dass es sich für die individuelle Holons vielleicht so anfühlt, als würden sie ihre Autonomie verlieren, aber das ist nicht wirklich der Fall. Ein spannendes Feld für die individuelle Entwicklung, wenn man in Organisationen, Gruppen oder Beziehungen gefährdet ist, die eigene Autonomie und damit die Selbstverantwortung aufzugeben. Das hat oft mit frühen Erfahrungen zu tun, in denen wir als Kind darauf angewiesen waren, dass unser Umfeld uns versorgt. Da kann sein, dass ein Nachreifen aussteht. In diesem Blogbeitrag mein Modell zu persönlicher Entwicklung kannst Du etwas mehr über die theoretische Konzeption von Nachreifen lesen. Und wenn Dich persönliche Entwicklung praktisch interessiert, kannst Du hier nachlesen.

Die Klarheit über die Unterschiede von individuellen und sozialen Holons ist insbesondere in Teams und Organisationen wichtig. Denn in sozialen Holons geht es immer um die Aushandlung einer stimmigen Balance zwischen Autonomie und Bindung, insbesondere bei Entscheidungs- und Richtungsgebungsprozessen. Und das geschieht immer im Kontext, also der Einbettung des sozialen Holons.

Ganz praktisch: Die Entscheidungen einer Organisation müssen auch im Kontext der Markterfordernisse, Marktdynamiken und Spannungsfelder getroffen werden.

Vertiefender Aspekt für Fortgeschrittene zu Metatheorien: Kontinuum

Auch wenn ich diesen Beitrag damit beginne, dass die integrale Theorie einen Strukturansatz verfolgt, so ist dort auch eine gewisse Prozesshaftigkeit mit integriert. Denn Holons transzendieren und beinhalten und etablieren damit eine Hierarchie und Holarchie.

Blog Kontinuum

Wir können auch die Vorstellung von Wahrnehmung haben, dass das subjektiv Ganze eines Augenblicks zu einem objektiven Teil des subjektiven Ganzen des nächsten Augenblicks wird. So überschreitet und beinhaltet ein Augenblick den vorhergehenden. Und das über alle Quadranten.

So entsteht unser Erleben von Kontinuität, von einer relativen Wirklichkeit. Diesen Prozess nenne ich häufig auch Kontinuum. Wir müssen in gegenwärtigen Kontexten denken und gleichzeitig berücksichtigen, wie diese sich durch die Zeit bewegen und damit eine mehrdimensionale Geschichte entwickelt.

Das war auch einer meiner Ausgangspunkte bei der Entwicklung meiner Konzeptualisierung von kollektivem Trauma.

Heiko Veit
Heiko Veit
Hier schreibe, denke und drücke ich mich aus. Und zwar, ohne mir irgendeine Perspektive zu verbieten oder einen besonderen Fokus zu verfolgen. Ich hoffe, Du findest etwas für Dich Interessantes! Mehr über mich findest Du auf Über uns. Danke fürs Lesen und Herzensgrüße an Dich.
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